Dezember 2007
Poesie-Cafe
Gedichte 2007

Kranker Knabe

Krankgeschrieben

Man liegt im Bett mit einer Halskompresse,

Erschöpft und blass ist man herauf geschwankt.
Man ist des ganzen Hauses Interesse,
Und jemand sorgt, daß man das Fieber messe.
Man fehlt heut im Büro.   - Man ist erkrankt.
 
Man fühlt sich wohl auf weichen, weissen Kissen.
- Von Zeit zu Zeit tut irgendwo was weh -.
Und diese Schmerzen streicheln das Gewissen,
Heut einmal seine Pflicht nicht tun zu müssen.
Dies sühnt man ausserdem mit Fliedertee.
 
Man sieht die Möbel an und die Gardinen.
- Man kennt sein Zimmer nur vom Abend her -.
Am Tage, wenn es hell und lichtbeschienen,
Da ist man irgendwo, um zu verdienen.
Und abends gibt es keine Sonne mehr.

Durchs Fenster dringen Stimmen von Passanten

Und der Vormittagslärm von Groß-Berlin.
Man wird besucht von Freunden und Bekannten.
Zweimal am Tage kommen die Verwandten
Und dreimal täglich kommt die Medizin ...

So gegen elf hört man die Bolle-Glocken,

Zuweilen läutet's an der Eingangstür.
Ein Reisender empfiehlt uns Mako-Socken.
Vom Hof her klingt des Scherenschleifers Locken
Und auch der Leiermann ist wieder hier.

 Man liegt im Bett. Und draußen pulst das Leben
- Wie es so herrlich in Romanen heißt.
Man hat sich diesem Zwange gern ergeben
Und wird gesund mit leisem Widerstreben,
Als wär man in die Kindheit heimgereist ...

Mascha Kaléko

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