Gedichte 2014



Poesie-Café


 Spiegelung in Pfütze Foto Edith Meyer

Wäre es möglich, weiter zu sehen,
als unser Wissen reicht,
vielleicht würden wir dann
unsere Traurigkeiten
mit grösserem Vertrauen
ertragen als unsere Freude.
Denn sie sind Augenblicke
da etwas Neues in uns eingetreten ist,
etwas Unbekanntes.
Unsere Gefühle verstummen
in scheuer Befangenheit,
alles in uns tritt zurück,
es entsteht eine Stille,
und das Neue, das niemand kennt,
steht mitten darin und schweigt. 

Rainer Maria Rilke  (1875-1926)

(Aus:Briefe an einen jungen Dichter)
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